Arbeitsalltag
Der neue Kollege war schlau. Die Aufgabe blieb trotzdem liegen.
Millennials sehen bei Gen Z oft „keine Konzentration“. Ich sehe dasselbe Muster bei uns. Nur besser versteckt.
Ein Gedanke auf einmal. In deinem Tempo.
Montag, 9:17 Uhr. Ich sitze mit einem neuen Kollegen in einem kleinen Meetingraum. Er kommt direkt aus dem Studium. Wach, höflich, schnell im Kopf. Ich erkläre eine Aufgabe, die drei Stunden ruhige Arbeit braucht: eine Datei prüfen, Unstimmigkeiten markieren, am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Er nickt. Stellt gute Fragen. Schreibt mit.
Um 11:30 Uhr schaue ich vorbei. Der Chat ist offen. Zwei Tabs mit irgendwas Kurzem. Die Datei ist bei Seite drei. Er sagt: „Sorry, ich war zwischendurch in drei Threads. Ich mach das gleich.“
Um 16:00 Uhr ist „gleich“ immer noch nicht da. Der Tag hat ihn in Scheiben geschnitten. Mail. Chat. „Hast du mal schnell?“ Ein Onboarding-Termin. Eine Rückfrage, die fünf Minuten hätte dauern sollen und dreißig gedauert hat.
Abends ertappe ich mich bei einem Satz: Die können sich nicht mehr konzentrieren.
Dann fällt mir ein, dass mein eigenes Handy unter dem Tisch geblinkt hat. Dreimal.
Was wir an Gen Z sehen – und an uns übersehen
Viele aus der Gen Z stehen noch am Anfang ihres Berufslebens. Viele Millennials sind inzwischen diejenigen, die einarbeiten, Aufgaben verteilen und Leistung beurteilen. Das ist keine saubere Trennlinie. Aber es ist eine Konstellation, in der schnell ein Generationenurteil entsteht.
Die Jüngeren springen zwischen Aufgaben. Die Älteren behalten den Überblick. So sieht es zumindest aus.
Ich bin mir da nicht so sicher. Wir haben Listen, Kalender, schlechtes Gewissen und den Satz „Ich mach das später um acht“. Manchmal wirkt das wie gute Selbstorganisation. Manchmal bedeutet es nur, dass die eigentliche Arbeit in den Feierabend rutscht.
Wer neu im Beruf ist, hat solche Routinen oft noch nicht. Wer länger dabei ist, hat mehr Übung darin, den eigenen verlorenen Faden zu verbergen.
Das erklärt nicht jede liegen gebliebene Aufgabe. Es macht mich aber vorsichtig mit dem Urteil, eine ganze Generation könne nicht mehr bei der Sache bleiben. Aus einem unterbrochenen Arbeitstag lässt sich das nicht ablesen.
Der Berufseinstieg verändert die Spielregeln
In Studium und Ausbildung geben Stundenpläne, Abgaben und Prüfungen zumindest einen Teil der Struktur vor. Im Job muss man sich vieles davon erst erschließen: Was ist wirklich dringend? Wer darf mich unterbrechen? Wann reicht ein gutes Ergebnis? Und bei welcher Nachricht darf ich später antworten?
Gleichzeitig soll man fachlich lernen, pünktlich liefern, Rückfragen stellen und möglichst selbstständig sein. Für jemanden, der gerade anfängt, kann schon die Frage „Was mache ich zuerst?“ erstaunlich viel Energie kosten.
Wer eine neue Aufgabe erklärt, erklärt deshalb am besten auch die Bedingungen dafür. Eine Datei mit dem Satz „Schau da heute mal drüber“ zu übergeben, lässt ziemlich viel offen.
Drei Stunden Bearbeitungszeit auf dem Papier sind noch keine drei Stunden im Kalender.
Ein Arbeitstag voller Unterbrechungen
Push-Nachrichten, Chat, Mail, Meetings und „hast du mal schnell“: In manchen Teams wird eine schnelle Antwort sofort sichtbar. Eine Stunde ruhige Denkarbeit fällt erst auf, wenn das Ergebnis da ist. So entsteht ein Anreiz, ständig erreichbar zu bleiben.
Unterbrechungen haben einen Preis. Nach dem Wechsel muss ich mich wieder orientieren: Wo war ich? Was hatte ich gerade geprüft? Welcher Gedanke war noch nicht zu Ende? Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untersucht diese Belastung und beschreibt Möglichkeiten, Unterbrechungen im Arbeitsalltag zu begrenzen.
Ich kenne die andere Seite ebenfalls: Wenn es endlich ruhig ist, greife ich manchmal selbst zum Handy. Als würde etwas fehlen. Lange, ungestörte Arbeit fühlt sich dann ungewohnt an.
Das ist meine Beobachtung, keine Diagnose über eine Generation. Sie reicht mir als Anlass, meine Arbeitsbedingungen anzusehen: Welche Benachrichtigungen brauche ich wirklich? Welche Unterbrechung ist notwendig? Und welche entsteht nur, weil gerade alle Kanäle offen sind?
Und jetzt erst ADHS
Ich habe ADHS. Deshalb ist mir diese Unterscheidung wichtig: Ein voller Chat und eine unerledigte Datei sagen wenig darüber aus, ob jemand ADHS hat.
ADHS ist ein anhaltendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität, das den Alltag deutlich beeinträchtigt. Die Symptome beginnen in der Kindheit und zeigen sich in mehreren Lebensbereichen. Eine Konzentrationsschwierigkeit bei der Arbeit reicht für eine Diagnose nicht aus. Bei einer fachlichen Abklärung werden auch andere mögliche Erklärungen berücksichtigt.
Dass jemand erst als erwachsener Mensch eine Diagnose bekommt, bedeutet nicht, dass die Schwierigkeiten erst dann entstanden sind. Das NIMH beschreibt, dass unterstützende Umgebungen Symptome lange auffangen können und diese gerade bei Mädchen und Frauen in der Kindheit übersehen werden können.
Mehr Verständnis dafür hilft. Ebenso wichtig ist, nicht jede Überforderung vorschnell medizinisch zu erklären. Zwei Sätze führen für mich in die falsche Richtung: „ADHS ist Mode.“ Und: „Wer sich ablenken lässt, hat ADHS.“
Im Büro sehen wir zunächst ein Verhalten. Wir sehen nicht automatisch seine Ursache.
Und wir müssen niemandem eine Diagnose zuschreiben, um eine Aufgabe verständlicher zu machen oder einen ungestörten Arbeitsblock zu ermöglichen.
Wenn gute Arbeit vom Feierabend abhängt
Meine Sorge ist, dass wir am Ende die falschen Dinge belohnen. Wer abends Zeit und Ruhe hat, holt die Arbeit nach und gilt als zuverlässig. Wer nach Feierabend andere Verpflichtungen hat oder erschöpft ist, kann das nicht auffangen. Die Bedingungen verschwinden aus der Bewertung. Sichtbar bleibt nur das Ergebnis.
So kann aus einem Organisationsproblem ein persönlicher Vorwurf werden. Die einen sehen mangelnden Einsatz. Die anderen erleben, dass sie sich den ganzen Tag bemüht haben und trotzdem nicht fertig geworden sind.
Anspruch und Verantwortung bleiben wichtig. Aber bevor ich jemanden an einer unerledigten Aufgabe messe, möchte ich wissen, ob die vereinbarten Prioritäten überhaupt zu seinem tatsächlichen Tag gepasst haben.
Was wir im Team konkret ändern können
Für den Kollegen vom Montag würde ich beim nächsten Mal fünf Dinge anders vereinbaren:
- Ein klares Ergebnis. „Prüfe diese Datei, markiere die Unstimmigkeiten und fasse die drei wichtigsten Punkte zusammen.“ Dazu ein Beispiel, woran eine ausreichende Prüfung zu erkennen ist.
- Eine eindeutige Priorität. „Diese Aufgabe kommt heute vor den beiden anderen. Wenn etwas dazwischenkommt, entscheiden wir gemeinsam, was sich verschiebt.“
- Geschützte Zeit. Ein vereinbarter Arbeitsblock ohne erwartete Sofortantworten. Mit einer klaren Ausnahme für Dinge, die tatsächlich nicht warten können, und mit Platz für Pausen.
- Eine kurze schriftliche Orientierung. Ziel, Material, Ansprechpartner und Termin an einem Ort. Damit niemand die Aufgabe aus drei Chatverläufen zusammensetzen muss.
- Rechtzeitiges Feedback. Ein kurzer Zwischenstand nach dem ersten Abschnitt, damit offene Fragen früh sichtbar werden. Danach wieder Zeit zum Arbeiten.
Das sind Vorschläge für den Arbeitsalltag. Was davon hilft, muss man miteinander ausprobieren. Bei ADHS können passende Arbeitsbedingungen unterstützen; sie ersetzen keine individuell abgestimmte Behandlung.
Für mich persönlich ist Struktur keine Bevormundung. Sie macht den Einstieg leichter und gibt mir einen Weg zurück, wenn ich den Faden verliere.
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Konzentration braucht Schutz. Und diesen Schutz sollten wir als Teil der Arbeit einplanen.
Drei Stunden, die wirklich zur Verfügung stehen
Der Kollege vom Montag brauchte eine anspruchsvolle Aufgabe, ein verständliches Ziel und Zeit, in der er daran arbeiten konnte. Ob er zusätzliche Unterstützung brauchte, hätten wir im Gespräch herausfinden können. Das Generationenetikett hat uns dabei keinen Schritt weitergebracht.
Mich beschäftigt daran auch eine Frage für Brainfil: Wie gestalten wir Lernen und Einarbeitung so, dass Menschen einen klaren nächsten Schritt erkennen? Eine gut aufgebaute Lektion kann Orientierung geben. Ob jemand die Ruhe hat, sie zu bearbeiten und das Gelernte anzuwenden, entscheidet sich aber auch im Team.
Ich möchte deshalb beim nächsten „Die können sich nicht konzentrieren“ erst einmal auf unseren Kalender schauen. Und auf mein eigenes Handy.
Welche Aufgabe bleibt bei euch regelmäßig liegen – und bekommt sie tatsächlich die Zeit, die sie braucht?
